Depressionen & Stimmungsschwankungen

Als ich noch mit diesen zu kämpfen hatte, hätte ich mich niemals öffentlich dazu bekannt. Wer macht das schon freiwillig? "Ich hab doch keinen an der Klatsche", so die fast einhellige Meinung. Das will keiner zugeben! Zu Beginn dieser Entdeckung hätte ich niemals zugegeben unter Depressionen zu leiden. Zu schlimm ist dieses Wort, ein Stempel fürs Leben. Einmal Depression immer Depression.

Beileibe nicht, denn eine erworbene Depression ist ein körperlicher Zustand. Mit dieser Entdeckung konnte ich förmlich spielen und in der Testphase mit mit selbst spielen. Jetzt will ich eine Depression und jetzt keine! Sie halten das für einen Witz? Nein, das ist keiner, leider. Ein größerer Witz ist, wie Menschen mit Depressionen behandelt werden und mit welch unnötigem Zeug sie ihren Körper belasten.

Stimmungsschwankungen bemerken immer andere zuerst. So war es auch bei mir. Wie soll ein Partner damit umgehen, wenn er plötzlich feststellt, dass seine Partnerin eine andere ist. Nicht Sorgen oder Ängste spielen dabei eine Roll. Nein, nur ganz bestimmte angespannte Muskeln. Es erfolgt eine Unterversorgung im Hirn, auch die wissenschaftlich nachgewiesenen Botenstoffe, und lösen dann eine im wahrsten Sinne des Wortes Persönlichkeitsveränderung aus.

Wer das nicht kennt, kann es nicht nachvollziehen und verstehen. Wer es kennt, weiß genau, was ich meine. Abends war noch Alles in Ordnung. Am nächsten Morgen war Alles anders. Über Dinge, die man am Vortag sprach und eine Meinung hatte, hatte man jetzt vielleicht eine ganz andere. Man hatte Gefühle in sich, die man im Normalzustand nicht hat. Es kommen Ängste hinzu. Ängste, die bei jedem, je nach Persönlichkeit und Lebensumstände anders sind.

Und dann ist sie da; die fixe Idee. So als ob sich Gedanken verselbständigen. So leidet der eine unter der Angst den Partner zu verlieren, ein anderer unter Existenzangst, der nächste unter der Angst, was andere denken oder was man vergessen könnte, etc. Gedanken brennen sich in den Kopf ein und sie bleiben. Man wacht mit ihnen auf, man erledigt seine Arbeit und sie sind wie in den Körper eingebrannt. So als ob man die Gedanken körperlich fühlen könnte. Nachts geht man mit diesen Gedanken schlafen. Ist die Depression verschwunden, sind die Gedanken und die Persönlichkeitsveränderung verschwunden. Plötzlich, so als ob nichts gewesen wäre.

Zunächst war es ein genau solcher Schub; ich bezeichne ihn mal so. Er hielt ein oder mehrere Tage an und war dann wie er kam verschwunden. Zack - einfach so. In einer solchen Phase neigt man auch dazu hinter den Menschen nur das Schlechte zu sehen, so als ob sie etwas gegen einen hätten. Es muss nicht so extrem sein, aber so ein Zwischending. Bei jedem ist es anders.

Meine Schübe traten immer häufiger auf und hielten immer länger an. Im Nachhinein kann ich nur jedem raten hier, trotz Depression, Verständnis für den Partner aufzubringen. Nicht für denjenigen, der die Depression hat, sondern für denjenigen, der sie ertragen muss. In einem solchen Zustand ist man gelinde gesagt nicht Herr seiner selbst. Man sieht vieles schwarz und grau und das was man redet, sollte der andere nicht so sehr für voll nehmen. Bitte keine Kurzschlusshandlungen ausführen!

Im Laufe der Zeit kam ich hinter das Geheimnis und erkannte die Muskelverhärtungen die dafür verantwortlich waren. Durch viel Üben und Experimentieren konnte ich sie lösen. Es dauerte ein oder zwei Tage und die Depression war weg. Machte ich wieder meinen "alten Zustand", indem sich Muskeln verspannten, war die Depression nach wenigen Stunden da. Man erkennt es auch daran, dass man irgendetwas im Fernsehen anschaut und plötzlich könnte man aus banalen Gründen heraus weinen. Das Hirn weiß, dass man es gestern nie getan hätte, aber heute empfindet man diese Szene irgendwie anders. Verrückt, nicht wahr?

So hangelte ich mich durch meine Versuche und konnte diese Feststellung schon bei anderen Teilnehmern beweisen. Erst, wer Depressionen hat und sich gut aufgehoben fühlt, spricht mit einem anderen darüber. Nicht jemand, der sie in eine Schublade steckt oder einen Rezeptblock zückt, sondern jemand der diese Dinge versteht, weil er sie selbst hatte.

Ich habe meine Depressionen gelöst - nicht geheilt. Heilung ist hier das falsche Wort, denn eine Depression ist keine Krankheit.

Letzte Aktualisierung: 11.12.2011 - 12:22 - vor 160 Tagen.
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